5 großartige Alben von Lou Reed

Julian Mark
4 min readJul 2, 2023
Lou Reed in 2004. Photo by .dannynorton via Wikimedia Commons, CC BY 2.0

Bei kaum einem Interpreten gehen selbst unter Fans die Meinungen so stark auseinander, wie bei Lou Reed. Sein Album New York wird oft als eines seiner absolut besten gehandelt, für mich schafft es das Album gerade so in die Top 10. Mit seinen abgedrehten Alben der späten 70er-Jahre konnte ich erst überhaupt nichts anfangen, mittlerweile höre ich die Alben aus dieser Zeit am liebsten. Seine Diskografie ist einfach unglaublich vielseitig, daher handelt es sich hierbei eher um eine Zusammenstellung persönlicher Favoriten. Für Neueinsteiger würde ich allerdings trotzdem jedes einzelne dieser Alben empfehlen.

Transformer (1972)

Das Album, auf das sich wahrscheinlich die meisten Fans einigen können und gleichzeitig eines der legendärsten überhaupt. Produzent David Bowie hatte gerade Ziggy Stardust aufgenommen und war inmitten seiner Glam-Rock-Phase, und sein Einfluss ist hier definitiv zu spüren. Die Texte bleiben sofort im Kopf hängen und sind für ihre Zeit erstaunlich progressiv. Lou Reeds Gesang hat nie so traditionell gut geklungen und das gesamte Album hat eine total charmante, beflügelte Atmosphäre. Gleichzeitig nehmen die Songs nicht allzu theatralische Ausmaße an (abgesehen vielleicht von Perfect Day), was das Album vor allem für Lous Verhältnisse vergleichsweise zugänglich macht und wirklich angenehm anzuhören ist. Die Vielfalt der Instrumentierung ist auch erfrischend. Anstelle der üblichen zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug, kommen auch das Klavier, Streicher und besonders viele Holzbläser zum Einsatz.

Street Hassle (1978)

Um ein 3-dimensionales Klanggefühl zu erzeugen, wurde für dieses Album mit der sogenannten binauralen Aufnahmetechnik experimentiert. Um das Album korrekt wiederzugeben, sollte es eigentlich mit Kopfhörern gehört werden — aber man merkt auch ohne, dass der Sound hier irgendwie anders klingt. Mal ist das Saxofon tief im Mix vergraben, dann ist es direkt neben einem platziert. Plötzlich setzen die Backgroundsängerinnen ein und es fühlt sich an, als würde man mit der Band auf der Bühne stehen. Gelegentlich werden Studio- mit den Live-Aufnahmen kombiniert, was dem Album ein total lebendiges Gefühl verleiht. Die Texte sind teilweise echt grenzwertig, aber das trägt umso mehr zur rohen Atmosphäre des Ganzen bei. Man merkt, dass Lou einfach nur Dampf ablassen will und genau dafür ist das Album gedacht.

The Bells (1979)

Ich weiß noch, dass mir The Bells erst so überhaupt nicht gefallen hat und ich kann verstehen, wenn es einem zu anstrengend ist. Lou klingt, als wäre er mit dem schlimmsten Kater der Welt aufgewacht und hätte sich nun drei Kannen Kaffee (oder etwas Vergleichbares) eingeflößt, um die Aufnahmen so schnell es geht hinter sich zu bringen. Das mag wie ein negativer Aspekt klingen, aber es ist genau diese Scheißegal-Mentalität, die mir so viel Freude bereitet. Die Texte sind wahrscheinlich nicht das beste Beispiel für seine Songwriter-Fähigkeiten, voller Sarkasmus und teilweise echt bescheuert. Im Grunde ist The Bells ein Comedy-Album, und es trifft genau meinen Humor. Ich liebe es auch, dass Lou immer so innovativ war, ohne nach etwas zu klingen, das es bereits gegeben hat, und dafür ist The Bells eines der besten Beispiele.

The Blue Mask (1982)

Auf The Blue Mask kommt einfach alles zusammen. Band und Produktion klingen absolut großartig. Ich liebe den Gummi-artigen Basssound 80er-Jahre; der klirrend-scharfe Klang der Gitarren ist fantastisch und die verzerrten Gitarren auf den kraftvolleren Songs so voller Energie. Generell hat das Album einige der mitreißendsten Songs und Crescendos überhaupt. Lou ist kein Pete Townshend, aber er gehört definitiv zu meinen Lieblingsgitarristen. In seinem Stil an der Rhythmusgitarre stecken so viel Emotion und Charakter, und das merkt man auf diesem Album besonders. Die Texte sind auch phänomenal — wie gewohnt mit seinem charakteristischen Humor, aber auf eine gewisse Art nachfühlbar und persönlicher als je zuvor. Das gesamte Album ist von Anfang bis Ende makellos und hervorragend gealtert.

Songs for Drella (1990)

Dieses Album ist Lou und John Cales Hommage an Andy Warhol, der in den Anfangsjahren ihrer Karriere als Produzent und Wegbegleiter eine wichtige Rolle spielte. Ob man Warhol-Fan ist oder nicht — Lou und John zeichnen ein so faszinierendes Bild von seiner Person, dass man gar nicht anders kann, als seine Komplexität als Mensch schätzen zu lernen. Sie fangen alle seine Makel und Schwächen ein, während man gleichzeitig die Liebe und den Respekt spürt, den die beiden für ihn empfanden. Die Kargheit der Arrangements gibt dem Album eine unvergleichlich intime und einzigartige Atmosphäre und ist wie nichts, was ich zuvor gehört habe. Simpel und experimentell zugleich. Die Instrumentierung beschränkt sich im Wesentlichen auf John Cale und seine Viola; Lous verzerrte Gitarre; hin und wieder ein atmosphärisches Keyboard, und das wars eigentlich schon. Auf ein Schlagzeug wird komplett verzichtet. Es ist keine Musik, die sich im Hintergrund spielen lässt, aber wenn man sich darauf einlässt, wird man das Album auf keinen Fall vergessen.

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