Blumfeld: Alle Alben im Ranking

Julian Mark
3 min readMay 24, 2023

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Jochen Distelmeyer in 2009. Photo by Christian Kadluba via Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0.

Blumfeld gehören sowohl textlich als auch musikalisch zum absolut Besten, was die deutschsprachige Musiklandschaft je hervorgebracht hat. Umso erstaunlicher ist es, dass ich ihre Fans in meinem Bekanntenkreis (im Gegensatz zu etwa den Ärzten) an nur einer Hand abzählen kann. Eigentlich kann man mit keinem ihrer Alben etwas falsch machen, aber mit dieser Rangliste können sich Neugierige einen Überblick verschaffen.

6. Ich-Maschine (1992)

Der Sound des Debütalbums ist minimalistisch, roh und unpoliert. Als wäre die Band ins Studio gegangen und hätte alle Songs in einem Take aufgenommen. Verglichen mit ihren späteren Alben fehlt es manchen Songs an einprägsamen Melodien — die ungeschliffene Produktion ergänzt allerdings sich hervorragend mit den Gefühlen der Wut und Verzweiflung, die Distelmeyer in seinen Texten behandelt. Und trotz seiner Poesie-artigen, oft abstrakten Schreibweise, ist er hervorragend darin, solche Emotionen auf eine Weise einzufangen, die sich selbst Jahrzehnte später noch genauso relevant und authentisch anfühlt.

5. Verbotene Früchte (2006)

Auf ihrem letzten Album kehrt die Band ihrer politisch-gesellschaftlichen Vergangenheit endgültig den Rücken und verfolgt stattdessen einen völlig anderen Ansatz. Von Songs über Äpfel, Flüsse oder die Jahreszeiten, bis hin zu jeder Tierart, die man sich vorstellen kann: Distelmeyer nahm dieses Album offenbar als Herausforderung, so viel über die Natur wie nur möglich zu schreiben, und es klingt genauso entspannt, wie man denken würde. Warme Akustikgitarren werden begleitet von langsamen Bässen, sanften Streichern, Posaunen und sogar der Sitar, und das gesamte Album ist voller Ohrwürmer. Verbotene Früchte ist ein Folk-Pop-Album à la Rubber Soul und das sanfteste, aber wahrscheinlich auch zugänglichste aus ihrem Katalog.

4. Old Nobody (1999)

Für die ersten Blumfeld-Fans muss allein schon das Cover damals ein Schock gewesen sein. Tatsächlich funktionieren sie als freundliche Pop-Band allerdings genauso gut, wie der ungeschliffene Sound ihrer früheren Alben. Der sanfte, eher traditionelle Gesangsstil von Distelmeyer ergänzt sich hervorragend mit der entspannten Atmosphäre und ist einfach schön anzuhören. Gelegentlich kommen Klavier, Streicher und sogar Dance-Beats zum Einsatz, und generell wird den Melodien einzelner Instrumente ein höherer Stellenwert beigemessen. Okay, das sechs Minuten lange Gedicht, mit dem das Album eröffnet wird, ist relativ unnötig, aber Spoken-Word-Tracks können ausgeklammert werden und beeinflussen meine Meinung nicht wirklich.

3. Jenseits von Jedem (2003)

Jenseits von Jedem ist das rockigste Album ihrer poppigen Phase. Der Fokus wird wieder verstärkt auf die Gitarren gelegt, die zuweilen fast schon an ihre frühen Tage erinnern. Die Produktion hat einen klaren, energiegeladenen Sound. Die Songs sind schneller, härter und manche erzeugen eine fast schon bedrohliche Atmosphäre. Auch viele der Texte sind eher düster gehalten. Distelmeyer nutzt einen erzählerischen (und etwas zugänglicheren) Stil und beschäftigt sich mit den alltäglichen Herausforderungen unserer Gesellschaft zur damaligen Zeit. Das Album gefällt mir mit jedem Mal besser und in der einstündigen Laufzeit gibt es keinen einzigen Song, auf den ich verzichten würde. Eine klare Empfehlung für alle, die auf einen etwas intensiveren Sound stehen.

2. L’état et moi (1994)

Mit L’état et moi haben Blumfeld den dreckigen Sound ihres Debütalbums perfektioniert. Die Gitarren sind roh, aber angenehm im Klang und einige Riffs und Melodien gehören zu den absolut besten, die ich je gehört habe. Jeder einzelne Song hat etwas total Mitreißendes an sich und bleibt sofort im Kopf hängen. Die Worte werden gesungen, geschrien und gesprochen, aber sie sind wie immer hervorragend getextet und bieten unendlich viele Entdeckungen. Ein perfektes Indie-Rock-Album, das ohne die Sprachbarriere zu den weltweit besten seines Genres gezählt werden würde.

1. Testament der Angst (2001)

Man darf sich vom Titel nicht in die Irre führen lassen. Ein, zwei härtere Songs gibt es hier zu hören, aber im Großen und Ganzen konzentriert sich die Band darauf, die die poppige Stimmung des Vorgänger-Albums Old Nobody zu perfektionieren. Und das macht sie wirklich verdammt gut. Distelmeyer hat einfach ein Händchen dafür, eingängige Melodien zu schreiben, die sich einem sofort im Kopf festsetzen. Die Songs ist hervorragend getextet, stimmiger denn je, und die Atmosphäre des gesamten Albums hat etwas total Befreiendes an sich. Vielleicht bin ich voreingenommen, weil dies mein erstes Blumfeld-Album war. Aber ich habe es schon so oft gehört und finde es immer noch genauso gut wie beim ersten Mal.

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